Die 110-Hz-Kammern: Newgrange, Malta und der Ton im Stein

Akustiker haben uralte Steinkammern in Britannien, Irland und Malta vermessen – und viele antworten am stärksten zwischen 95 und 120 Hz. Was wir wissen und was ein Rätsel bleibt.

Neolithic stone chamber with spiral carvings, lit by a golden beam of winter sunrise

5 Min. Lesezeit

Ebene: Gemessen Akustische Messungen und Archäologie – die Absicht der Erbauer bleibt eine offene Frage.

Stell dir vor, du kriechst durch einen schmalen Gang aus Stein. Die Luft ist kühl, das Licht hinter dir wird klein. Dann öffnet sich der Gang zu einer Kammer aus riesigen, sorgfältig geschichteten Steinen – gebaut vor mehr als fünftausend Jahren. Jemand beginnt, einen tiefen Ton zu summen. Und plötzlich scheint der ganze Raum mitzusummen.

Das ist kein Märchen. Es ist der Ausgangspunkt eines jungen Forschungsfeldes, der Archäoakustik: Wie klingen alte Orte – und wussten ihre Erbauer davon?

Sechs Kammern, ein Bereich

Mitte der 1990er-Jahre trug ein Team um den Princeton-Physiker Robert Jahn, gemeinsam mit dem Forscher Paul Devereux und Michael Ibison, Lautsprecher und Messgeräte in sechs uralte Kammern auf den Britischen Inseln. Fünf stammen aus der Zeit um 3500 v. Chr., eine aus der Zeit um 500 v. Chr.; unter den untersuchten Orten waren Newgrange in Irland und Wayland’s Smithy in England.

In jede Kammer spielten sie langsam ansteigende Töne und hörten, bei welcher Frequenz der Raum am stärksten antwortet – seine Resonanz. Das Ergebnis, 1996 im Journal of the Acoustical Society of America veröffentlicht: Jede Kammer hatte eine starke Resonanz zwischen 95 und 120 Hz, viele davon nahe 110 Hz.

Für unser Ohr ist dieser Bereich kein Zufall: Er liegt mitten im Bereich der tiefen Männerstimme. Eine tiefe, summende oder singende Stimme hätte diese Räume leichter gefüllt als jeder andere Klang.

Die Orakelkammer von Malta

Auf der Insel Malta liegt das Hypogäum Ħal Saflieni, eine unterirdische Anlage, in weichen Kalkstein gehauen. Laut UNESCO diente sie etwa von 4000 bis 2500 v. Chr. als Begräbnisstätte; ihre drei Ebenen reichen 10,6 Meter unter den heutigen Boden. Seit der Entdeckung 1902 fällt Besuchern ein besonderer Raum auf: eine kleine Nische, die – so beschreibt es die UNESCO – widerhallt, wenn man hineinspricht.

Spätere Messungen in maltesischen Tempelräumen, über die 2009 berichtet wurde, fanden wieder Resonanzen bei 110 bis 111 Hz. Die UNESCO selbst bleibt vorsichtig: Das Echo sei vielleicht nicht absichtlich entstanden – könnte aber bei Ritualen genutzt worden sein.

Was macht 110 Hz mit einem Raum – und mit uns?

2008 stellten der Psychiater Ian Cook und Kollegen an der UCLA eine Folgefrage. In einer kleinen Pilotstudie hörten 30 gesunde Erwachsene Töne zwischen 90 und 130 Hz, während ihre Hirnaktivität per EEG aufgezeichnet wurde. Bei 110 Hz unterschied sich das Muster von den anderen Tönen – zum Beispiel war die Aktivität über der linken Schläfenregion, die an Sprache beteiligt ist, geringer.

Wir erzählen das mit Bedacht. Es war eine einzelne Pilotstudie mit wenigen Teilnehmenden, und die Autoren selbst fordern größere Studien. Sie sagt nichts darüber, was unsere Musik für dich tut – und so etwas behaupten wir auch nicht. Sie zeigt aber, dass Menschen die Frage ernst nehmen: Haben die alten Baumeister Stein so geformt, dass sich eine Stimme im Raum anders anfühlt?

Licht und Klang an einem Ort

In Newgrange wird die Geschichte noch schöner. Über dem Eingang liegt eine kleine Öffnung, die Dachbox. Rund um die Wintersonnenwende, an den Morgen etwa vom 19. bis 23. Dezember, scheint die aufgehende Sonne hindurch und den 19 Meter langen Gang entlang, bis sie den Boden der Kammer erhellt – für etwa 17 Minuten.

Dieselbe Kammer trägt also zwei Dinge: einen Ton nahe 110 Hz, auf den der Raum am besten antwortet, und ein Licht, den goldenen Strahl der kürzesten Tage. Übersetzen wir 110 Hz in unsere Licht-Oktave (42-mal verdoppelt), landen wir bei rund 484 Terahertz, etwa 620 Nanometern – ein warmes Orange, die Farbe von Feuerschein und Sonnenaufgang.

OrtAlterWas beobachtet wurde
Newgrange, Irlandüber 5.000 JahreResonanz 95–120 Hz; Licht zur Wintersonnenwende für etwa 17 Minuten
Wayland’s Smithy, Englandum 3500 v. Chr.Resonanz 95–120 Hz
Hypogäum Ħal Saflieni, Maltagenutzt ca. 4000–2500 v. Chr.widerhallende Nische; Resonanz bei 110–111 Hz berichtet

Ein Ton, den wir heute noch nutzen

Ein kleines Detail, das wir lieben: In der heutigen Standardstimmung (A = 440 Hz) ist 110 Hz genau ein tiefes A – zwei Oktaven unter dem Stimmton, den ein Orchester vor dem Konzert spielt. Die Kammern „stehen“ auf einem Ton, der bis heute unser Bezugspunkt ist.

Was wir wissen – und was nicht

Wir wissen, dass viele alte Kammern stark im Bereich der Männerstimme mitschwingen und dass manche nach der Sonne ausgerichtet sind. Wir wissen nicht, ob die Erbauer die Resonanz geplant haben oder ob sie einfach aus der Größe der Räume und den verwendeten Steinen folgt. Beides ist möglich, und die Forschung diskutiert es bis heute.

Vielleicht ist genau das das Geschenk dieser Orte: Sie laden uns ein zu lauschen, ohne eine Antwort zu brauchen.

Briefe aus dem Atlas

Einmal im Monat, zum Neu- oder Vollmond: neue Beiträge, ein Blatt aus dem Jahreskalender und unsere neueste Musik. Kostenlos und jederzeit abbestellbar.

Newsletter (DE)

Du bekommst zuerst eine Bestätigungs-E-Mail. Abmelden kannst du dich jederzeit mit einem Klick. Mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Quellen

  1. Jahn, Devereux & Ibison (1996), „Acoustical resonances of assorted ancient structures“, J. Acoust. Soc. Am. 99(2), 649–658 – zitiert in diesem ASA-Beitrag
  2. Stone Pages – Akustik alter Tempel (PEAR-Ergebnisse, maltesische Tempel bei 110–111 Hz, Cook 2008)
  3. Cook, Pajot & Leuchter (2008), „Ancient Architectural Acoustic Resonance Patterns and Regional Brain Activity“, Time and Mind 1(1), 95–104
  4. UNESCO-Welterbe – Hypogäum Ħal Saflieni
  5. Newgrange.com – Wintersonnenwende
  6. Wikipedia – Roofbox (Newgrange)

PURE SOUL ATLAS

Mehr aus dem Atlas

Alle Beiträge →